Gelassenheit
Gelassenheit ist ein komplexes Konstrukt, eine Haltung, eine Tugend, eine Lebenskunst. Sie lässt sich sinnvoll nur im Verein mit anderen Haltungen und Tugenden betrachten. Gelassenheit geht einher mit einem Bündel von Fähigkeiten, die im Kontakt und im Austausch mit mir selbst und meiner Mitwelt entstanden sind und entstehen. Sie dient dazu, mich zu lehren, auf eine für mich und meine Möglichkeiten angemessene Weise mit Affekten und Herausforderungen des Lebens umzugehen und die eigenen Fähigkeiten zu entfalten. Sie geht einher mit dem Gefühl, dass mir dies auf irgendeine Weise immer wieder möglich sein wird. Ihre Entwicklung als lebenslanger Prozess beginnt lange vor der Geburt. Gelassenheit entsteht auf der Basis von Bindungssicherheit und bewirkt Bindungssicherheit. Sie entwickelt sich mit der Fähigkeit zu vertrauen und zu misstrauen, mit der Fähigkeit, aus guten und aus schlechten Erfahrungen zu lernen. Gelassenheit geht einher mit der Fähigkeit, sich einen Grund für Hoffnung zu erarbeiten. Sie ereignet sich in Verbindung mit Neugierde, Empathie und Engagement für sich selbst und seine Mit-Welt, verliert sich angesichts der Fähigkeit, betroffen zu sein, z.B. von eigener Schuld und findet sich wieder in der Fähigkeit, sich und anderen zu verzeihen. Gelassenheit wird durch Gelassenheit gelehrt.
Gelassenheit versus Stress
Stress ist gewissermaßen ein Antipode der Gelassenheit. Ein Stressor ist ein Reizereignis, das die Bewältigungsfähigkeit des Organismus herausfordert oder überschreitet. Die physiologischen Reaktionen auf Stress sind ganzkörperlich. Sie sind unter anderem nachweisbar als Veränderung der Tätigkeit von Zentralnervensystem, Hormonsystem, Muskelsystem und sämtlicher Organe. Diese physiologischen Reaktionen laufen automatisch ab, egal ob es sich um physiologische (z.B. Schlafmangel, Lärmbelästigung, Krankheit, Verletzung, Vergiftung) oder um psychologische Stressauslöser handelt (z.B. Verlust von Liebe oder persönlicher Sicherheit).
Chronischer Stress und seine Folgen
Chronischer Stress, verursacht durch das Fortbestehen von nicht zu bewältigenden Herausforderungen, kann die gesamte körperliche Funktionsfähigkeit beeinträchtigen. Insbesondere wirkt er sich aus auf das Immunsystem, auf den Verlauf vieler chronischer Krankheiten (möglicherweise sogar auf deren Entstehung) sowie auf kognitive Leistungen des Gehirns wie Konzentrationsfähigkeit, Erinnerungsfähigkeit, Kurzzeitgedächtnis, die Fähigkeit zu Problemlösung, Urteilsbildung und flexiblem Denken. In Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass chronischer Stress die Intelligenzentwicklung von Kindern beeinträchtigt. Eine Extremform von Stress stellen schwere und lang anhaltende Traumatisierungen dar, insbesondere, wenn sie in früher Kindheit stattfinden und wenn Bezugspersonen daran beteiligt sind. Dazu gehören selbst erlebte oder an Angehörigen vollzogene und miterlebte körperliche Gewalt oder sexueller Missbrauch, schwere Krankheiten, schwere oder zahlreiche Operationen, extreme Vernachlässigung, extreme chronische Überforderung und Folter. Diese schweren Traumatisierungen können zu Veränderungen der Hirnstruktur bis hin zu einer Substanzverminderung in Hirnregionen führen, die eine entscheidende Funktion für die Gedächtnisfunktion haben.
Andererseits haben Untersuchungen gezeigt, dass mütterliche Zuwendung, eine stabile Bindungssicherheit und gute Beziehungserfahrungen lang anhaltende positive Wirkungen auf das Stressverarbeitungssystem haben. Diese Erfahrungen sind darüber hinaus in der Lage, Gene zu aktivieren, deren Proteine so genannte Wachstumsfaktoren für Nervenzellen sind.
Frühkindliche Erfahrungen als Basis von Gelassenheit
Die Grundlagen von Gelassenheit werden in einem sehr frühen Alter angelegt. Im Austausch mir der Mutter erfährt, erprobt, moduliert und reguliert das Kind in unzähligen Wiederholungen und Variationen seine Affekte. Wenn dieser Entwicklungsprozess hinreichend gut verläuft, macht es dabei die Erfahrung: Ich kann davon ausgehen, dass ich gut „beantwortet“ und versorgt werde und dass ich selbst an diesem Austausch mitwirke., dass ich fähig bin, die Signale zu geben, die da beantwortet werden.
Auf diese Weise beginnt das Kind, eine Basis für das Vertrauen in andere, in sich selbst und in die Möglichkeit des dialogischen Austauschs zu erwerben, eine Basis für das Lernen aus Erfahrung, eine Basis für Hoffnung -und für Gelassenheit.
Erkenntnisse aus der Resilienzforschung
(Resilienz = psychische Widerstandsfähigkeit,, die sich unter widrigen Umständen und belastenden Lebensbedingungen entfalten kann)
Die Resilienzforschung gibt Antworten auf die Frage, wie unter schwierigen Bedingungen Lebensbewältigung gelingen kann, wie sich auch dann Lebenskunstund Gelassenheit etablieren können. Folgende Bedingungen können – neben anderen – zu Risikofaktoren werden: schwere körperliche und psychische Erkrankungen, Sucht, Kriminalität und schlechte Schulbildung von Mutter oder Vater, niedriger sozialökonomischer Status, schlechte Wohnbedingungen, große Geschwisterzahl – besonders bei geringem Altersabstand -, chronische Disharmonie in der Familie, häufig wechselnde frühe Bezugspersonen, Verlust der Mutter ohne guten Ersatz, genetische Disposition, aggressiver und sexueller Missbrauch sowie Vernachlässigung. Von Risikobedingungen spricht man, wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen. Eine Reihe von Bedingungen können, wenn sie zusammenwirken, zu Schutzfaktoren werden, dazu zählen: dauerhafte, gute Beziehung zu einer Person, ein guter Ersatz bei Verlust der Mutter, Fähigkeit der Eltern zur Selbstreflexion sowie zum Umgang mit Belastungssituationen, hohe Qualität der Schule – d.h. persönliche Kompetenz der Lehrerin – im Grundschulalter, mindestens durchschnittliche Intelligenz und robustes, kontaktfreudiges Temperament, erfolgreiche Übernahme von Verantwortung, gute Beziehung zu Peers, also die Erfahrung von Solidarität, und Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Selbstwirksamkeit wird hier verstanden als eine auf Erfahrung beruhende realistische Überzeugung, Herausforderungen gewachsen zu sein, sich Handlungsfähigkeiten aneignen zu können und/oder andere um Unterstützung bitten zu können.
Die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Interaktion wird durch diese Erkenntnisse relativiert: Es besteht die Möglichkeit, defizitäre und schädigende Erfahrungen über die gesamte Kindheit und sogar über den gesamten Lebensverlauf zu kompensieren. In erster Linie scheint hierfür eine langfristige, vertrauensvolle Beziehung verantwortlich zu sein, die zuverlässig ist und über Beziehungs- und Handlungskompetenz verfügt.
Entwicklung von Gelassenheit in der Psychotherapie
Auch wenn es in der psychotherapeutischen Literatur in anderer Terminologie formuliert wird: Die Entwicklung von Gelassenheit, einhergehend mit Selbstwirksamkeit, ist das übergeordnete Ziel therapeutischen Handelns.
Schwerpunkte der psychotherapeutischen Arbeit können sein:
Konkrete Bewältigungsmöglichkeiten:
Durch erfahrene Selbstwirksamkeit kann die Überzeugung von Selbstwirksamkeit ( weiter-)entwickelt werden.
Selbst-, Beziehungs- und Situationsreflexion:
Über die Fähigkeit, achtsam und fürsorglich im Kontakt mit sich selbst, seinen Gefühlen, Motiven und Bedürfnissen zu sein, erschließt sich die Fähigkeit zur Empathie mit sich selbst und anderen, die auch zu einer zunehmend realistischen Wahrnehmung von sich selbst, vom anderen und von der gegebenen Situation führt.
Ressourcen:
Ressourcen und Möglichkeiten, die in der eigenen Person, in der gegebenen Situation und insbesondere in zwischenmenschlichen Beziehungen liegen, werden aktiviert und weiterentwickelt.
Lebensgeschichte:
Szenen aus der eigenen Lebensgeschichte können aktiviert und bearbeitet werden, damit sie heutige Entwicklungsmöglichkeiten des Denkens. Fühlens und Handelns weniger blockieren oder einschränken, damit ein kohärentes Verstehen der eigenen Person und Geschichte möglich wird.
Diese Schwerpunkte sind miteinander verwoben. Positive Erfahrungen in einem dieser Bereiche erhöhen die Wahrscheinlichkeit positiver Entwicklungen in den anderen Bereichen. Voraussetzung für einen gelingenden psychotherapeutischen Prozess ist die Entwicklung eines guten Arbeitsbündnisses.
Kompensation ungünstiger Bedingungen
Auch bei extrem belastenden frühen Erfahrungen gibt es Kompensationsmöglichkeiten. Neben anlagebedingten Faktoren scheint ein Gelingen vor allem geknüpft zu sein an:
- mindestens eine langfristige gute Beziehungserfahrung
- realistische Überzeugung von Selbstwirksamkeit
- Selbstreflexionsfähigkeit
- Solidarität
Die Möglichkeit, Gelassenheit zu entwickeln, ist somit nicht ausschließlich an gute frühkindliche Erfahrungen gebunden.
